Montag, 3. Juni 2019

Il Pastor Fido - eine Neuentdeckung, ein Orchester mit einzigartigem Klang!

Das oh! Orkiestra historyczna ist bislang in Deutschland kaum bekannt, auch wenn dessen Konzertmeisterin Martyna Pastuszka (sprich: Pastuschka) keine Unbekannte mehr ist, wenn man darauf achtet, wer denn bei einzelnen Spitzenorchestern als Konzertmeisterin agiert.
In dieser Eigenschaft hat sie auch 2012 in Katowice diverse junge Musiker um sich geschart und ein Orchester gegründet, das sich in Schlesien inzwischen einen guten Namen und eine eigene Konzertreihe erarbeitet hat. Eine schon über mehrere Jahre sich erstreckende Zusammenarbeit verbindet das Orchester mit Jan Čižmář (sprich: Tschischmarsch), der an der Musikhochschule von Brno/Brünn u.a. Laute und Barockgitarre lehrt und auch selbst spielt - und der in Brno und Umgebung ebenso eine Reihe von Konzerten unter dem Titel "Hudební lahůdky", also "Musikalische Leckereien" unterhält. Erstmals 2013 entschlossen sich die Künstler in einer gemeinsamen Anstrengung, einen musikalischen Leckerbissen der besonderen Art auszugraben und erstaufzuführen: "Didone abbandonata" von Domenico Sarri (1679–1744). Diese Oper eines nur eingefleischten Barockfans bekannten Komponisten, dessen Nachname zuweilen auch Sarro geschrieben wird, war eine der Produktionen, die der tschechisch-böhmische Franz Anton Reichsgraf von Sporck von den von ihm unterhaltenen Musikern neben Prag auch in Brünn aufführen ließ - und die drum zum 300-jährigen Jubiläum der Erstaufführung wiederausgegraben wurde.

oh, oh, oh, das Orkiestra historyczna. Vorn rechts Konzertmeisterin Martyna Pastuszka, drei Reihen hinter ihr Jan Čižmář und in der vorletzten Reihe in der Mitte mit Brille der Mann für die nichtmusikalischen Dinge, die ein Orchester auch zu regeln hat - Artur Malke

2016 gab es einen weiteren Leckerbissen - diesmal eines schon etwas bekannteren Komponisten, nämlich des in Dresden als Hofkomponisten tätigen Johann Adolf Hasse, der lange Jahre auch in Italien weilte und wirkte und dort viele Opern aufführen ließ. Das diesmal ausgegrabene Stück hatte einen Bezug zu Warschau, denn es war eine derjenigen Opern, die der sächsische Kurfürst, der ja zugleich König von Polen war, auch am Hof in Warschau hatte aufführen lassen. Es handelte sich um die 1745 erstmals und 1753 wiederaufgeführte Zweitvertonung des "Arminio" von Hasse. Diese echte Rarität wurde zwar in mehreren Orten in Polen und Tschechien aufgeführt, fand aber leider nicht den Weg auf Platte oder zumindest Online-Mitschnitt.


Figurine des Bartolommeo Puttini als Varo in der Dresdner Aufführung des "Arminio" von 1753

Figurine der Teresa Albuzzi-Todeschini als Tusnelda  in der Dresdner Aufführung des "Arminio" von 1753

Erstmals in einem internationaleren Licht erschien das oh! Orkiestra historyczna im September letzten Jahres im Theater an der Wien in der konzertanten Aufführung der von Max Emmanuel Cencic wiederausgegrabenen Oper "Gismondo Re di Polonia" von Leonardo Vinci. Diese Oper wird am 14.06.2019 in der Moskauer Philharmonie / Tschaikowski-Konzertsaal wiederaufgeführt und wird dann dort in Gänze zu erleben sein.

Der treue Hirte Mirtillo (Philipp Mathmann) drückt die ihm vermeintlich helfen wollende
Eurilla (Rinnat Moriah) voll Dankbarkeit an sich.
Ich denke, es ist zu erkennen, dass die Kostüme die arkadische Geschichte sehr gut nachempfinden,
die Szenerie das Ganze aber in die Moderne rückt, das zeigt sich auch dann,
wenn die Sänger kurzzeitig ihre Oberkleidung ablegen und sich mit dem
- sehr nett anzuschauenden Balletttänzer -
der die Leiden eines unglücklich verliebten Mannes sehr gut in Tanz-Figurinen setzt.
Foto: Magdalena Halas

Im Ergebnis dieser ersten Zusammenarbeit mit Cencic und seinem Label bzw. seiner Künstleragentur "Parnassus Arts" wurde dieses neue Projekt geboren. eine vollszenische Aufführung des "Il Pastor Fido". Handelte es sich bei den oben beschriebenen Produktionen noch um eher hausbackene Produktionen mit polnisch-tschechischem Cast, so ist diesmal das gesamte Team internationalisiert, womit die gesamte Produktion natürlich noch einmal gewinnt. Der sicher größte Zugewinn ist, dass die ursprünglich von Kastraten gesungenen Rollen heute von guten bis sehr guten Countertenören gesungen werden können, wovon wir in dieser Produktion gleich zwei haben.

Hier die eigentlich von Mirtillo begehrte und ihn auch selbst liebende Nymphe Amarilli (Sophie Junker),
zu ihrem Namen passend im gelben Kostüm. Man sieht ihr die Leiden an, die es ihr bereitet, ihre Gefühle nicht zulassen zu dürfen und sich doch nach Mirtillo zu sehnen, gar in Eifersucht zu entbrennen und zu verzweifeln, als sie erfährt, dass er vermeintlich eine Andere hat.
Foto: Magdalena Halas 


In der Hauptrolle des treuen, sich am Ende für seine Geliebte opfern wollenden Hirten Mirtillo ist der aus Lippstadt stammende, nunmehr in Berlin lebende Countertenor Philipp Mathmann zu erleben. Ist der schon beeindruckend sicher in seiner Melodiefühung und hat eine voll klingende Stimme, so ist der Countertenor Nicholas Tamagna, der den zweiten Mann, den Jäger Silvio, darstellt, der eigentlich nur für die Jagd und die Huldigung der Göttin der Jagd lebt, nicht aber, um weiblichen Reizen überhaupt zugänglich zu sein, geschweige denn zu erliegen, ein Bühnenerlebnis, dem - so scheint es - Lebensfreude aus allen Poren atmet. Oder ist er nur ein sehr guter Schauspieler? Ich glaube nein, ich habe ihn auch vor der Vorstellung erlebt. Eine Rolle wie die des Jägers Silvio ist ein Glücksfall, indem seine Persönlichkeit und die Anforderungen der Rolle gut zusammentreffen. Darstellen kann er aber auch einen Herrscher wie Echnaton, wie die Ausschnitte aus der Inszenierung des "Akhenaten" von Philipp Grass auf der Homepage des Künstlers verdeutlichen.

Hier der zweite Countertenor Nicholas Tamagna als Jäger Silvio, der nur die Jagd im Kopf hat. Eine Wahnsinns-Bühnenpräsenz und zugleich versprüht der Mann Lebensfreude und Schalk. Ein Gesamtkunstwerk.
Foto: Magdalena Halas


Die diesjährigen Händelfestspiele in Halle legen aber den Fokus auf die Frauen - und was Händel für Frauengestalten geschaffen haben - sowie über Geschlechter-Identitäten.

In "Il pastor fido" ist wie so oft bei Händel auch wieder der titelgebende Held nicht wirklich der Held, wobei er es im Sinne des Librettos vielleicht doch ist, will er sich doch anstelle der für die Opferung vorgesehenen, von ihm geliebten Nymphe Amarilli selbst opfern. Musikalisch ist eben jene Amarilli schon deutlich stärker. Auch sie liebt eigentlich Mirtillo, kann ihm das aber nicht zeigen, nicht nur, aber auch weil sie mit Silvio verheiratet ist.

Hier die Silvio becircen wollende und am Ende rumkriegende Schäferin Dorinda (Anna Starushkevych), neben ihr der oben schon angesprochene Tänzer Davidson Janconello, der die Leiden eines unglücklich verliebten Mannes während der gesamten Vorstellung in Szene und in tänzerische Figurinen setzt.
Foto: Magdalena Halas


Dann haben wir da die Intrigantin Eurilla, eigentlich die beste Freundin der Amarilli, aber vielmehr selbst hinter Mirtillo her. So will sie denn, scheinbar die beste Freundin und ganz besorgt, den Stachel des Verdachts nähren und erzählt Amarilli, dass sie eine andere Frau bei ihm gesehen habe. Andererseits verspricht sie Mirtillo, der ganz außer sich ist, dass "seine" Amarilli ihn so kalt abgewiesen bzw stehen gelassen hatte, ihm zu helfen und die beiden zusammenzubringen. Allerdings mit einem klaren Hintergedanken: nämlich vor Zeugen, sodass Amarilli der "unrechtmäßigen" Liebe, später würde man sagen als gefallene Frau, nicht nur überführt, sondern gebrandmarkt und dann dem Zeus geopfert werde, auf dass dann der Weg zum Herzen des Schäfers für sie, Eurilla, frei wäre.

Janconello noch einmal - hier mit Amarilli ohne ihr Kostüm, sozusagen in die Moderne transponiert, als seine Freundin, die er begehrt, die aber erstmal nicht reagiert auf seine Kontaktaufnahmen und dann plötzlich, während des Schlafs auftaucht und ihn quasi nur zur sexuellen Abreaktion benutzt. Der Arme.
Foto: Magdalena Halas


Ich denke, das allein schon kann man sich gut vorstellen in der Darstellung, und ich kann bestätigen: die beiden Sopranistinnen Sophie Junker als Amarilli und Rinnat Moriah als intrigante Eurilla diesen Typus Frau ganz hervorragend verkörpern. (Ursprünglich waren die beiden Damen genau andersrum besetzt angekündigt, aber es hat sich wohl bei der Produktion gezeigt, dass Eine oder Beide sich in der anderen Rolle viel wohler fühlten? Hinzu gesellt sich die ukrainische Mezzosopranistin Anna Starushkevych in der Rolle der Schäferin Dorinda, die auf Silvio abfährt und in ihm Gelüste wecken will, die er überhaupt nicht zu kennen scheint. Aber sie, ganz Frau, lässt ungerührt ihren Scharm spielen, geht ihn offensiv an, versteckt sich als keusches Reh im Busch und weckt am Ende ganz richtig die Jagdlust, auf SIE, die Schäferin.

Der mit seiner Stimme den Saal durchdringende Bass Zachary Wilson als Tirenio, Hohepriester der Diana, der das Stück beginnt mit der Feststellung, dass er sich nicht erinnern könne, ähnliches Leid schon mal erlebt zu haben, und der es beendet, indem er verkündet, dass dadurch, dass ein treuer Mann (Mirtillo) sich für eine eigentlich gefallene Frau (Amarilli) opfern will, der Bann gebrochen sei und Arkadien keine Jungfrauen mehr opfern müsse.
Foto: Magdalena Halas


Ist das Stück gesanglich schon eine Attraktion, da alle Stücke stark und überzeugend besetzt sind, kommt hier aus dem manchmal wenig beachteten Orchestergraben die eigentliche Attraktion. Man hat den Eindruck eines ganz "akademischen" Orchesters im positiven Sinne: den Eindruck nämlich, dass man bei jedem einzelnen Ton weiß, was man tut und warum man es so tut und nicht anders. Und dies zeigt sich sowohl in den Tutti-Passagen als auch und mehr noch in den Solo-Parts, und solistisch begleitete Arien (zumindest in Teilen solistisch begleitete) gibt es in "Il Pastor fido". Man kann und möchte Parnassus Arts und den Herren Cencic und Georg Lang sowohl gratulieren als auch danken, dass sie dieses Orchester gefunden und für gut befunden haben, sodass es vielleicht von nun an öfter in Deutschland zu hören sein wird.


Die Wucht aus dem Orchestergraben das Orkiestra historyzna oder einfach nur {oh!} - aus Schlesien. Meinen Glückwunsch und mein Dank für diese gelungene Produktion. (Alle Fotos sind entstanden bei der ersten Aufführung dieser Produktion im Städtischen Theater in Gliwice / Gleiwitz in Schlesien. In Bad Lauchstädt musste sich das Orchester schon auf kleinerem Platze drängen und musste das Zugehen auf das Publikum entfallen, da im Goethe-Theater einfach nicht so viel Platz ist.
Foto: Magdalena Halas

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